„KI kann uns helfen, Zielgruppen besser zu erreichen"
Christina Elmer hat jahrelang als Journalistin gearbeitet. Nun forscht sie an der TU Dortmund zum Thema KI im Journalismus und doziert am Institut für Journalistik. Foto: Leon Kügeler
Medienforscherin Christina Elmer ist sich sicher, dass der Mensch im Journalismus unersetzbar bleibt. Ihren Studentinnen und Studenten bläut sie ein: Lernt das klassische Handwerk – und experimentiert mit neuen Techniken.
Interview: Karolin Arnold
07.10.2026
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Correctiv/journalist: Frau Elmer, hat der KI-Boom die Journalismusbranche überrascht?
Christina Elmer: Ja, einige wurden sicher davon überrascht. Aber es gehört zum gesellschaftlichen Auftrag des Journalismus, bei schnellen Entwicklungen erstmal kritisch zu reflektieren. Insofern bin ich froh, dass wir viel darüber diskutieren, welche KI-Anwendungen sinnvoll sind und welche nicht.
Es ist also kein Problem, dass der Journalismus noch keinen Fahrplan für den Umgang mit KI hat?
Bei dieser rasanten Entwicklung ist eine gewisse Unsicherheit normal. Trotzdem fände ich es wichtig, wenn sich weitaus mehr Medienhäuser konkretere Gedanken machten. Es gibt bereits viele Guidelines, in denen die Möglichkeiten und Grenzen der KI-Nutzung beschrieben sind und die deutlich machen, wo es den berühmten Human in the Loop noch braucht – also den Menschen, der noch einmal prüfend über das schaut, was ein KI-System erstellt hat. Dennoch ist mein Eindruck, dass längst nicht ausreichend definiert ist, welche KI-Tools wie genau in der Redaktion angewendet werden. Daher rührt vielleicht die Unsicherheit, die wir aktuell auch in der Forschung beobachten: Journalistinnen und Journalisten geben in Befragungen immer wieder an, dass sie gerne konkrete Anweisungen hätten.
In unserer Umfrage zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmenden mindestens eine KI-Schulung absolviert haben. Reicht das aus?
Es ist schön, dass es diese Schulungen gibt. Ich höre häufig, dass sie gut angenommen werden. Aber nein, eine Schulung zu KI reicht nicht, um die Systeme im Alltag sinnvoll nutzen zu können. Wie man KI in der täglichen Arbeit einsetzt, lernt man nur, wenn man die Tools selbst ausprobiert oder auf Probleme stößt. Wir brauchen mehr Experimentierräume in den Redaktionen.
Liegt in der Nutzung von KI eine Chance für den Journalismus, seine Kernkompetenzen klarer herauszustellen?
Ja, doch das gelingt nur, wenn unser Publikum diese Kernkompetenzen wahrnimmt. Die Menschen müssen verstehen, was qualitativ hochwertigen Journalismus ausmacht und worin der Unterschied zur KI-generierten Massenware liegt. Das zu vermitteln, sehe ich als wichtigen Auftrag des Journalismus. Gleichzeitig muss man KI-Systeme als unterstützende Werkzeuge mitdenken, das eine schließt das andere nicht aus.
Müssen wir noch klarer kennzeichnen, wo KI im Einsatz war?
Wir erforschen momentan an der TU Dortmund, wie man die KI-Nutzung im Journalismus transparent kennzeichnen kann. Aus unserer bisherigen Forschung wissen wir, dass viele Menschen sich eine einheitliche Kennzeichnung wünschen. Einen Hinweis darauf wollen sie dann, wenn KI-Systeme einen maßgeblichen Einfluss auf das Endprodukt haben. Aber nicht bei einzelnen kleinen Schritten, etwa beim Übersetzen oder der Transkription. Deshalb glaube ich, dass bei der Transparenz ein Schwerpunkt auf generativen KI-Modellen liegen sollte – also Modellen, die ganze Texte, Bilder und Videos auf einem hohen Niveau erzeugen können. Mit generativer KI sollten wir uns ohnehin differenzierter beschäftigen. Sie kann den Journalismus durchaus bereichern und zugänglicher machen, zugleich sind die Ergebnisse oftmals stark verzerrt und werden massenhaft für Informationsmanipulation genutzt, etwa in Desinformationskampagnen.
Welche Bereiche der journalistischen Arbeit werden in Zukunft noch stärker von KI geprägt sein?
Ich glaube, dass uns KI-Werkzeuge künftig noch weitere repetitive Aufgaben abnehmen können. Darin liegen viele Chancen: KI kann uns nicht nur dabei helfen, schneller zu werden. Sie kann auch Inhalte besser für unterschiedliche Zielgruppen und Nutzungssituationen aufbereiten. Das wird die Formate verändern. Zum Beispiel könnte es weiterhin die klassische lange Reportage geben, aber KI-Modelle können dann einzelne Bausteine herausgreifen und die lange Reportage schnell in eine kurze Reportage oder ein ganz anderes Format umwandeln. Liquid Content nennt man das. Damit könnte der Journalismus mehr Menschen mit passenderen Inhalten erreichen.
Sie lehren und forschen an der TU Dortmund. In Ihren Seminaren und Vorlesungen sitzen viele angehende Journalistinnen und Journalisten. Was raten Sie ihnen mit Blick auf die kommenden Jahre?
Ich sage ihnen, dass sie das journalistische Handwerk gut beherrschen sollten – all das, was nicht durch KI-Systeme ersetzbar ist und was den unabhängigen, kritischen und empathischen Journalismus ausmacht. Damit meine ich Recherche vor Ort, Gespräche mit Betroffenen und Verantwortlichen, kompetente Arbeit mit Quellen. Gleichzeitig rate ich Studierenden, sich auf neue Technologien einzulassen, mit ihnen zu experimentieren und dadurch zu verstehen, was sie leisten können.
Wird die KI in den nächsten Jahren einige Journalistinnen und Journalisten ersetzen?
Dieses Narrativ halte ich für übertrieben. Natürlich gibt es Aufgaben wie das Layout, die automatisiert werden können. KI kann aber keine Redaktion ersetzen, höchstens unterstützen. Ohne Menschen, die unabhängig recherchieren, Inhalte einordnen und sowohl den Protagonisten als auch dem Publikum auf Augenhöhe begegnen, verliert der Journalismus seinen Kern. Und die Transformation bringt auch viele neue Aufgaben mit sich. Medienhäuser müssen sich also fragen: Wie nehmen wir unsere Leute mit? Wie schaffen wir es, dass sie sich in ihren beruflichen Fähigkeiten weiterentwickeln können? Am Ende geht es nicht nur um Jobs, sondern um die Menschen, die Gemeinschaft und Zusammenhalt einer Redaktion ausmachen. Und diese Menschen sind ohnehin nicht durch ein KI-System ersetzbar.
Karolin Arnold ist tagesaktuelle Reporterin bei Correctiv.
Der journalist und Correctiv haben 128 Medienschaffende in Deutschland gefragt, wie sie KI im Redaktionsalltag nutzen – und wovor sie Angst haben. Zu den Ergebnissen